Himmel und Hölle am Sonntagnachmittag

Petra Bohm | Posted 20/02/2012 | Belletristik | Keine Kommentare »

“Zimmer 307″, der neue Roman der Schweizer Autorin Sandra Hughes hat mir mit seinen knapp 200 Seiten einen herrlichen Lesenachmittag beschert – wenn dabei nicht der Braten in der Röhre fast verschmort wäre – das feine kleine Büchlein ist nämlich rasant und fesselnd erzählt. Also: unbedingte Leseempfehlung, aber den Ofen vorher ausstellen!

Mit der Protagonistin werden all jene Leser(innen) besonders fühlen können, die sich in ihrem Leben schon einmal völlig kopflos und unvernünftig in einen Mann verliebt und dabei (zumindest in Gedanken) ihr “normales” Leben auf’s Spiel gesetzt haben.

Obwohl Felicitas eigentlich keine starke Frau ist, handelt sie an machen Stellen ihres Lebens erschreckend entschlossen. Zum Beispiel, als sie sich bereits nach wenigen Seiten umbringt, weil ihr Geliebter Domenico sie wegen einer anderen Frau ziemlich schnöde verlassen hat. Warum das die 34jährige in den Selbstmord getrieben hat, erfährt man nun aus ihren Erzählungen – aus dem Jenseits. Halt STOP, jetzt nicht aufhören weiter zu lesen, es handelt sich hier keinesfalls um einen der so modernen Jenseits-Romane, in denen irgendwelche Halbtoten mehr oder minder humorvoll auf der Erde noch etwas “zu löten” haben.

Felicitas wacht in einem Art Zwischenjenseits auf, in der Abteilung Supervision F für “Selbstmörderinnen, Nutten und Betrügerinnen”. Die hat das Ambiente einer Reha-Anstalt und so sollen die Insassinnen durch “Körbe flechten” zu sich selbst finden und versuchen, in den Hinterbliebenen “von oben aus” gute Gefühle für sich zu wecken. Dann winkt nämlich eine Versetzung in eine Art “Himmel” – gelingt das nicht, geht es ab in die “Hölle”. Jedenfalls so ähnlich, aber alles ohne Wolken und Fegefeuer, dafür aber mit Anstaltskleidung und “Gesprächen”. Und plötzlich gelingt Felicitas, was auf Erden nicht glücken wollte: Sie macht Karriere und reanimiert die Männerabteilung “Supervision M” für Steuerhinterzieher, fiese Chefs, Ehebrecher und andere Schurken. An denen übt sie nun Rache, und zwar gründlich.

Dieser Teil des Plots bildet aber “nur” eine sehr (ironisch und gekonnt beschriebene) Bühne für Felicitas Gedanken, die zurückschweifen. Zurück in ihr Leben. Zurück zu Domenico, dem Typen, der ihr das Leben versaut hat. Oder war es am Ende “Mylady” (So nannte sie Domenico) selbst, die sich das Leben versaut hat?

Ganz schnell beginnt man, sich während dieser leicht erzählten Geschichte Gedanken über eigene Fehler oder (wenn auch vielleicht verborgene) Obsessionen zu machen. Jedenfalls sieht man den Verfall der Protagonistin an diesen Gigolo ziemlich kritisch, obwohl Felicitas der Leserin sofort sympathisch ist. Domenico irgendwie auch. Obwohl er ein A… ist. Aber ein Besonderes. Liebevolles. Originelles. A. Und ein toller Liebhaber. Mit romantischen Ideen. Was will Frau mehr? Trotzdem – irgendwie hätte man doch alles anders und besser gemacht als Felicitas – oder nicht?

Am besten: Selbst lesen, dieses wirklich kurzweilige Melodrama um eine Amour fou.

Sandra Hughes, 1966 geboren und aufgewachsen in Luzern, studierte an der Universität Basel Kunstwissenschaft, Geschichte des Mittelalters und Humangeografie. Sie arbeitete als Kunstvermittlerin in den Kunsthäusern Zürich und Zug. Nach einem kurzen Abstecher in die Bieler Ideenfabrik “Brainstore” ist sie seit 1998 bei den Museumsdiensten Basel für Bildung und Vermittlung tätig. Sandra Hughes lebt mit Mann und Sohn in Allschwil, Baselland. “Zimmer 307″ ist nach “Lee Gustavo” und “Maus im Kopf” ihr dritter Roman.

Dieses Buch wurde auch von DRS 3 empfohlen.

Lesungstermine “Zimmer 307″ von Sandra Hughes

7.3.2012, 20.00h
coalmine bookbar, Turnerstrasse 1, Winterthur

27.3.2012, 20.00h
Literaturhaus Zürich, Limmatquai 62, Zürich
20:00 Uhr

26.4.2012, 19.30h
Kleines Literaturhaus Basel, Bachlettenstrasse 7, 4054 Basel

3.5.2012
Stadtmühle Willisau, Müligass 7, Willisau

Titel:
Zimmer 307

ISBN-13:
9783908777762

Autor:
Sandra Hughes

Verlag:
Dörlemann

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